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Empörende Werbung für Prostitution

 

Elisabeth Camenzind

Das St. Galler Gesundheitsamt hat in Zusammenarbeit mit der Beratungsstelle MariaMagdalena1 einen Faltprospekt erstellt mit dem Titel «Sexarbeit ist Arbeit», wobei auffällt und erschreckt, dass er in Aufmachung und Text wie ein Werbeprospekt anmutet. Das Amt rühmt sich zudem, eine Sichtweise auf die Prostitution geschaffen zu haben sowie ein Modell, das für die Schweiz vorbildlich sei. Ebenso auffallend und bedenklich ist, dass kein einziges Wort über die Möglichkeit von Ausstieg aus dem Sexgewerbe fällt. Während die frühere Edel-Hure Domenica Niehoff, die mit Vorliebe als leuchtendes und nachzuahmendes Beispiel für das Sexgewerbe dargestellt wird, erklärt, dass es an dem Beruf nichts zu verherrlichen gebe.

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Text-Probe aus dem St. Galler Faltprospekt

Sexarbeit ist Arbeit. Sexarbeit ist anspruchsvoll. Sexarbeit trägt, wie andere Tätigkeiten, zum Funktionieren der Gesellschaft bei. Sexarbeit bedeutet kundenorientiertes Arbeiten. Sexarbeit bezieht sich ausschliesslich auf die sexuellen Wünsche der Kunden. Sexarbeit bedeutet Befriedigung der Kundenwünsche.1 -

Ein Hinweis auf das Selbstbestimmungsrecht fehlt. Das Recht auf Selbstbestimmung steht aber jeder Frau zu, auch der Frau, die sich prostituiert. – Das heisst: Jede Prostituierte hat das Recht zu sagen: Das mache ich, jenes mache ich nicht!

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Der Sexarbeiterin wird im Faltprospekt plausibel gemacht, sie solle und könne stolz sein auf ihre Arbeit. Der «Beruf» der Sexarbeiterin sollte positiv dargestellt werden, wobei auf den finanziellen Ertrag hingewiesen wird, der sich der Schweizer Wirtschaft aus der Sexarbeit ergibt. In der Schweizer Sexindustrie werde ein jährlicher Gesamtumsatz von ca. 3,5 Milliarden Franken erwirtschaftet. -

Darauf sollten die Frauen also stolz sein.

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Sexarbeit wird als ein Beruf wie jeder andere hingestellt. Die Prostitution wird in seinen negativen Auswirkungen auf die Frauen verharmlost durch den Hinweis, die freiwillig ausgeübte Sexarbeit sei legal und stehe seit 1973 unter dem verfassungsrechtlichen Schutz der Wirtschaftsfreiheit1 (Art. 27 BV).  

Durch die lockere Bezugnahme auf die Wirtschaftsfreiheit wird das Recht der Frau auf (sexuelle) Selbstbestimmung ein zweites Mal übergangen anstatt respektiert.

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Mehr Anerkennung für die Sexarbeit bedeute mehr Sicherheit für die Prostituierte. Dass mehr Anerkennung der Sexarbeit mehr Sicherheit für die Prostituierte bedeutet, ist reine Augenwischerei und eine Schutzbehauptung. Sie dient den Profiteuren des Sexgewerbes. Unter der Vorgabe: «Mehr  Sicherheit für die Prostituierte» wurde in St. Gallen entsprechend ein Bordell eröffnet, das sich unter dem Namen «Extravagant» als ein Bordell mit gehobenem Ambiente anpreist. Und zudem per Inserat Frauen suchte mit dem Versprechen auf guten Verdienst.

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Bordellanzeigen und «Bordell-Menü». – Luise Pusch beobachtete in Bordellanzeigen folgendes «Bordell-Menü»: Das Urinieren auf oder in die Frau wird auf dem Bordell-Menü der sexuellen Leistungen als «Natursekt» bezeichnet. Koten heisst «Kaviar», in Bordellanzeigen abgekürzt als «KV».

Als noch ekelhafter empfinden aber die meisten, dass sie Sperma schlucken sollten – trotz der AIDS-Gefahr heute eine fast schon routinemässig geforderte selbstverständliche Leistung/Erniedrigung, genannt «FT» = französisch total (mit Schlucken).

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Die frühere Edel-Hure Domenica Niehoff redet ebenfalls Klartext. - Nach Domenica Niehoff gibt es an dem Beruf nichts zu verherrlichen. «Die meisten von uns bleiben auf der Strecke.»2 (S. 44). - Domenica Niehoff hatte jahrelang gut verdient und sagt hinterher, es habe sich nicht gelohnt, und dass sie sich über jede freue, die aus der Prostitution aussteigt. Ferner sagt sie, früher sei man von älteren Huren eingeführt worden. Da wurde den Neuen gesagt: Das machst du, und das machst du nicht! Heute stünden die jungen Frauen ziemlich isoliert da, sie seien den Kerlen ganz ausgeliefert. Ferner berichtet Niehoff, dass die Gäste immer jünger und perverser würden, die stünden auf Urin und so. Und sie freue sich über jede, die aussteigt und dies auch könne2 (S. 32-33).

Zum richtigen Umgang mit Freiern erklärt Niehoff: «Also, wenn bei mir ein Mann frech ist, den schick ich gleich wieder weg. Bei mir muss man sich gut benehmen. Mein Zimmer ist kein Mülleimer, ich bin kein Schrotthaufen. Wir Alt-Huren haben unsere Gesetze. Wir machen’s nur mit Kondom, immer schon. Wir lassen uns nicht küssen, denn das ist ja was, das man natürlich nur zu Hause tut. Anal gibt es überhaupt nicht. Aber die jungen Mädchen, die meist von einem Zuhälter zu Drogen gezwungen und dann auf die Strasse geschickt werden, machen alles. Denen ist alles egal. Die  sind so kaputt, die haben gar nicht mehr die Kraft, auf sich zu achten.»2 (S. 32).

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Steigt aus! Geht doch lieber in den Blumenladen.

In der letzten Zeit sei sie (Niehoff) zu den Mädchen in Sankt Georg (Hurenviertel) gegangen und habe auf sie eingeredet: «Steigt aus! Geht doch lieber in den Blumenladen.» – Jetzt gebe es eine Gruppe, die stärke das Selbstbewusstsein der Mädchen. «Die wissen jetzt: Da ist eine Gruppe von Huren, von wirklich professionellen Huren, die für uns kämpfen (für den Ausstieg). Da können wir hingehen.»2 (S. 35). Sie selber hatte den Ausstieg geschafft und wurde Sozialarbeiterin.

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Domenica Niehoff schaffte den Ausstieg und wurde Sozialarbeiterin. – Im St. Galler Tagblatt vom 17. Dezember 1997 war zu lesen: «Die Hamburger Ex-Prostituierte Domenica Niehoff gibt ihren Job als Sozialarbeitern auf und wird ab Januar als Partnerschafts-Partnerin arbeiten.» «Ich halte das nicht mehr aus», gab sie als Begründung an. Ihr seien mehr als ein halbes Dutzend Mädchen weggestorben – an einer Überdosis Gift, an Aids, und eines der Mädchen wurde ermordet. «Das hält man vielleicht als 35Jährige aus, aber nicht mehr mit meinen 52 Jahren.»

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Was geschieht andernorts gegen das Krebsgeschwür Prostitution? - In Frankreich werden mittlerweile die Freier, die Dienste von Prostituierten in Anspruch nehmen, bestraft. Das klarsichtige und realitätsnahe Argument ist, dass Prostitution das ganze weibliche Geschlecht potentiell zum käuflichen Geschlecht macht. Faktum ist, dass Männer in der Regel das gut verdienende Geschlecht sind und Frauen weniger bis gar nichts verdienen, zum Beispiel als Hausfrau oder Familienfrau. Von Daher kommt es zu dem verheerenden finanziellen Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern und zum Krebsgeschwür: Prostitution. 

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Das machst du, und das machst du nicht! - In Anlehnung an Domenica Niehoff  soll hier nochmals ganz klar und im Detail genannt werden, was eine Prostituierte im Sinne des Rechts auf  sexuelle Selbstbestimmung ablehnen darf und ablehnen soll.

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Ablehnen darf und soll die Prostituierte: Geschlechtsverkehr ohne Gummi, Analverkehr, Oralverkehr, Sperma schlucken,  Abspritzen von Sperma ins Gesicht, Urin schlucken (Urin heisst in der Bordellsprache: Natursekt), mit Kot beschmieren und ähnliche unappetitliche Sonderwünsche (Koten heisst in der Bordellsprache: Kaviar).

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Ausstiegshilfen in Berlin – ein Modell für St. Gallen: Im Unterschied zu St. Gallen wird in Berlin das Hauptgewicht in den Beratungsstellen für Prostituierte auf die Vermittlung von Arbeitsstellen verlegt, unter Berücksichtigung beruflicher Qualifikationen der Frauen. Auf diese Weise sollen im vergangenen Jahr 130 Frauen den Ausstieg geschafft haben. -  Damit hat Berlin ein nachahmenswertes und machbares Modell geschaffen, das wir uns für die ganze Schweiz wünschen, auch für St. Gallen! (Fernsehbericht vom Dienstag 21.10.14)

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Quellen

1) Faltprospekt MariaMagdalena – Sexarbeit ist Arbeit. Anerkennung und Rechtssicherheit für Frauen im Sexgewerbe. Beratungsangebot für Frauen im Sexgewerbe. Ein Präventions- und Gesundheitsförderungsprojekt des Gesundheitsdepartements des Kantons St. Gallen, 2010

2) Aus Interview von Alice Schwarzer mit der früheren Prostituierten Domenica Niehoff in: Alice Schwarzer: Warum gerade sie? Weibliche Rebellen. Begegnungen mit berühmten Frauen. Fischer 1992

 

27.10.2014