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Zur Prostitutions-Debatte

Carola Meier-Seethaler - Kolumne

Wie viele Intellektuelle, Künstlerinnen und Künstler gehöre ich zu den Erstunterzeichner/innen von Alice Schwarzers «Appell gegen Prostitution» vom Oktober 2013.Seither findet eine kontroverse Diskussion auch unter Feministinnen statt, zum Teil mit Argumenten, die für eine breitere Öffentlichkeit mehr Verwirrung als Aufklärung stiften.Dazu einige grundsätzliche Kommentare.

I. Prostitution, das älteste Gewerbe der Welt – Fehlanzeige! Die übliche Rede von Prostitution als dem ältesten Gewerbe der Welt ist schlicht falsch, weil historisch unhaltbar. Das Feilbieten des weiblichen Körpers zur sexuellen Dienstleistung lässt sich erstmals aus der jüngeren Periode der mesopotamischen Hochkulturen herleiten. Dazu hat uns die bekannte Historikerin Gerda Lerner durch umfassende Quellenstudien ins Bild gesetzt: Im Zuge erster Eroberungskriege im Laufe des 3. vorchristlichen Jahrtausends begann die Errichtung einer patriarchalen, hierarchisch strukturierten Gesellschaft, bei der die eroberten Völker unterjocht und die Kriegsgefangenen versklavt wurden. Darunter waren besonders viele Frauen, welche die Sieger nicht nur zu niedrigen Arbeiten, sondern auch zur sexuellen Verfügbarkeit zwangen.Von dieser Zwangsprostitution bis zur Prostitution als freies Gewerbe war es noch ein langer Weg, und dieser ist strikt zu unterscheiden von der viel älteren Tradition sakraler Sexualriten in den mesopotamischen Stadtstaaten. Dort wurden Grosse Göttinnen als Schirmherrinnen von Mensch und Natur verehrt, und die Königsmacht durch die «Heilige Hochzeit» begründet. Die Inthronisation des jungen Königs erfolgte durch den sakralen Sexualakt mit der Hohenpriesterin als Stellvertreterin der Göttin, und anlässlich dieses Festes gab es den ekstatischen Mitvollzug der sexuellen Vereinigung unter den Menschen im Umkreis des Tempels. Mit Hilfe der vitalen göttlichen Kraft sollte die Fruchtbarkeit des gesamten Lebens auch auf den Feldern und bei den Herden garantiert werden.Spätere Geschichtsschreiber missdeuteten diese «Sexualfrömmigkeit» (Heinz Hunger, Die Heilige Hochzeit 1984) als Tempelhurerei, obwohl in Sumer und Babylonien Töchter aus der Oberschicht als hoch angesehene Priesterinnen sexuelle Riten in den Tempeln vollzogen. Entgegen anderer Behauptungen betont Gerda Lerner, dass die gewerbliche Prostitution nicht aus der sakralen Prostitution ableitbar sei. Sie entstand davon unabhängig erst im Laufe des 2. vorchristlichen Jahrtausends, und zwar aus der Not verarmter Schichten. Nach der Errichtung einer rigiden Klassenherrschaft setzte sich der Personenkreis käuflicher Frauen zum einen aus ehemaligen Haussklavinnen und zum andern aus den Töchtern verarmter Unterschichten zusammen. Gewinnsüchtige Herren verschacherten ihre Sklavinnen an dazu eingerichtete Bordelle, während Töchter verarmter Bauern ihre sexuellen Dienste in der Stadt bei Tempelfesten und anderen gesellschaftlichen Treffpunkten anboten oder von den eigenen Vätern aus Existenznot an entsprechende Einrichtungen verkauft wurden. Von freiem Gewerbe konnte also noch lange nicht die Rede sein.Das mittelassyrische Gesetz um 1250 v.Chr. gewährt Einblick in die damalige patriarchale Doppelmoral, wie sie sich in der Verschleierungsordnung spiegelt. Darin wird festgelegt, dass die Gattinnen, Witwen und Töchter eines Bürgers beim Ausgang auf die Strasse ihren Kopf verhüllen müssen, dies aber Nichtverheirateten der Unterschicht und Sklavenmädchen strikt verboten ist. Alle Frauen, die nicht unter dem Schutz und der sexuellen Kontrolle eines Mannes standen, wurden als «öffentliche Frauen» stigmatisiert und ihnen gegen Androhung strenger Prügelstrafen das Tragen des Schleiers verboten. Mit diesem Gesetz wird die äusserlich ablesbare Grenze zwischen «anständigen» und «unsittlichen» Frauen gezogen, zwischen tugendhaften Angehörigen und willfährigen bzw. willkürlich benutzbaren Sexobjekten.Bis heute hat sich nicht nur im inzwischen islamisch geprägten Nahen Osten die Ambivalenz gegenüber der - im Grunde angsteinflössenden - erotischen Ausstrahlung der Frau erhalten. Auch europäische Männer befinden sich im Konflikt zwischen sexueller Abhängigkeit und dem Bedürfnis nach distanzierter Überlegenheit, woraus die käufliche «Liebe» einen Ausweg zu bieten scheint. Zum einen ist Bezahlung von sexuellen Diensten ein Mittel, sich die Macht über das andere Geschlecht zu sichern, zum andern bestärkt sie das männliche Potenzbewusstsein, weil es zur Praxis der Prostituierten gehört, ihren Kunden den eigenen Lustgewinn vorzugaukeln. So kommt für den Freier zum Ausleben sexueller Phantasien - oft genug geprägt von harter Pornographie - die schmeichelhafte Illusion hinzu, ein guter Liebhaber zu sein. Kurz: Sexuelle Dienstleitung als Arrangement von Betrug und Selbstbetrug gegen Bezahlung.



II. Freiwillige Sexarbeit?

Bekanntlich ist die jüngste Anti-Prostitutions-Kampagne die Antwort auf den globalen Frauenhandel und die damit entstehende Zwangsprostitution von Frauen aus den ärmsten Ländern. Dabei fokussiert Alice Schwarzer den Zusammenhang zwischen zunehmender Aufblähung des Sexgewerbes und der liberalen Gesetzgebung in Deutschland seit 2001, welche Bordellbetreibern und Zuhältern die schamlose Bereicherung erleichtert und die Aufdeckung krimineller Machenschaften erschwert.Eine Gruppe links gerichteter Feministinnen bezweifelt diesen Zusammenhang wie auch die von Schwarzer beigebrachten Zahlen. Nach Lage der Dinge kann es sich nur um Schätzungen handeln, doch ist die Dunkelziffer hoch und die Annahme berechtigt, dass über zwei Drittel der in Deutschland arbeitenden Prostituierten Ausländerinnen sind, die unter entwürdigendsten Bedingungen ausgebeutet werden.Die Befürworterinnen einer selbstbestimmten Sexarbeit, die von Zwangsprostitution grundsätzlich zu unterschieden sei, unterschätzen nicht nur die dazwischen liegende Grauzone, sondern gehen auch mit dem Begriff der Freiwilligkeit recht summarisch um. Ist der Entschluss, als Prostituierte zu arbeiten, wirklich frei, wenn pure Existenznot dazu nötigt und/oder das Fehlen jeder beruflichen Perspektive bei familiärer Abhängigkeit?Auch in der Schweiz gibt es den sprunghaften Anstieg von ausländischen Sexarbeiterinnen. Allein in der Stadt Bern hat sich deren Zahl aus südeuropäischen Ländern während der letzten vier Jahre mindestens verzehnfacht («Der Bund», 5. Juli 2014, S.19). Dies als Folge von Finanzkrise und hoher Arbeitslosigkeit, aber auch infolge der sehr leicht zu erwerbenden Bewilligungen. Für die Ausübung des Sexgewerbes während dreier Monate genügt ein Genehmigungsverfahren via Internet.Zwar sind sich alle Parteien darin einig, dass Zwangsprostitution strafrechtlich zu verfolgen und alle Sexarbeiterinnen vor Gewalt und Ausbeutung zu schützen sind. Doch scheitert dies bisher daran, dass die meisten Betroffenen aus Angst vor Rache oder aus Scham keine Anzeige wagen.Feministinnen, die sich pro Prostitution engagieren, sehen die Hauptursache in der Furcht vor moralischer und gesellschaftlicher Diskriminierung. Deshalb ihr Argument: Nur wenn Sexarbeit gesellschaftlich voll anerkannt sei, könnten Prostituierte ihre Rechte auch öffentlich einfordern. Darüber hinaus wehren sie sich dagegen, Prostituierte einseitig als Opfer zu sehen. Vielmehr könne ihre Berufswahl auch als emanzipatorischer Schritt verstanden werden, wenn sie dadurch ökonomische Unabhängigkeit gewinnen. Dabei gehe es um das Recht, über den eigenen Körper frei zu verfügen (Siehe Diskussionspapier zur Sexarbeit, August 2014).



III. Sexarbeit als «Care-Arbeit»?

In ihrem Papier vom August 2014 legen Schweizer Fachgruppen für Sexarbeit (Xenia, Pro Co Re) ihre Visionen vom zukünftigen Stellenwert der Prostitution dar. Ihnen geht es um das «Empowerment» der Sexarbeiterinnen und um die gesellschaftliche Wertschätzung der Prostitution, weil diese zum Funktionieren unserer Gesellschaft ebenso beitrage wie die Hausarbeit und andere Tätigkeitsfelder der Care-Ökonomie. Sollen also Dienstleistungen im Sexgewerbe gleich hoch geschätzt werden wie Säuglingspflege, häusliche Betreuungsarbeit, Krankenpflege und Fürsorge für Alte und Behinderte? Und welches Verständnis von Sexualität setzt dies voraus? Sexualität als problematisches oder gar hilfloses Bedürfnis, gewissermassen als Notdurft, der in «Verrichtungsboxen» Abhilfe zu verschaffen ist?Sex ohne eine Spur von Verliebtheit, ohne gegenseitiges Begehren, als bezahlbare Dienstleistung, das ist für mich keine Frage der Moral, sondern einfach nur himmeltraurig. Bedeutet es doch die Entwertung von Sexualität als Lebenselixier, das nur bei sinnlicher Ergriffenheit und durch gegenseitig gespendete Lust zu haben ist!Eigentlich irritierend an der ganzen Debatte ist ihr historischer Zeitpunkt. Wie ist es möglich, dass in unserer europäischen Gegenwart, in der es so viel sexuelle Freiheit gibt wie nie zuvor, gekaufte Sexualität einen derart grossen Raum einnimmt? Heute können Jugendliche ab 16 Jahren Liebesverhältnisse ohne Sorge um unerwünschte Schwangerschaften eingehen, können Partnerschaften wechseln, und selbst Seitensprünge in der Ehe sind nicht mehr tabuisiert. Ist die Entzauberung und Kommerzialisierung unseres Daseins schon so weit fortgeschritten, dass sinnliche Wahrnehmung und spontane erotische Anziehung nicht mehr selbstverständlich sind? Vermutlich spielt auch die Veränderung der Geschlechterrollen seit der Frauenemanzipation mit. Nachdem sich als Illusion erwies, was Männern seit Jahrtausenden eingeredet wurde: nämlich das stärkere, intelligentere und kreativere Geschlecht zu sein, könnten manche von ihnen sexuelle Partnerschaft auf Augenhöhe (unbewusst) als Überforderung empfinden. Daher wäre das Empowerment für männliche Sinnlichkeit angesagt: für mehr unmittelbares Gespür beim Senden und Empfangen von erotischen Wellen, für Lebensbejahung und Lebensfreude jenseits von Leistung, Erfolg und Profit.

IV. Prostitution eine Arbeit wie jede andere?

Die Behauptung, Prostitution sei eine Arbeit wie jede andere, dient seit Jahren dem Versuch, gesellschaftliche Vorurteile abzubauen. Aber selbst wenn es tatsächlich Frauen gibt, die ohne physische Not und ohne psychische Narben aus der Kindheit den Beruf der Prostituierten wählen, weil sie Freude am sexuellen Rollenspiel finden oder weil es ihnen ganz rational um das zu erzielende Einkommen geht, so ist die Verallgemeinerung dieser Aussage unhaltbar. Wäre Prostitution wirklich eine Arbeit wie jede andere, so wäre sie für Langzeitarbeitslose zumutbar, genauso, wie es für Harz IV-BezügerInnen als zumutbar gilt, gemeinnützige Reinigungsarbeiten zu übernehmen. Stellen wir uns aber vor, dass offizielle Arbeitsämter es Sekretärinnen oder Verkäuferinnen, die wegen Betriebsschliessung ihre Arbeit verloren, nahelegen würden, sich als Prostituierte zu bewerben, weil im Sexgewerbe Stellen offen sind, so wird die Grenzüberschreitung schlagartig klar: Leibliche Integrität gehört zu den unveräusserlichen Menschenrechten.Die eigentlichen gesellschaftlichen Probleme liegen in der strukturellen Gewalt jeder patriarchalen Herrschaftsordnung, wobei soziale und sexistische Diskriminierung gleich schwer wiegen.Auch die VertreterInnen des schwedischen Modells wissen, dass Verbote allein das Machtgefälle zwischen den Geschlechtern und zwischen Herrschenden und Beherrschten nicht verändern. Es geht um den Aufschrei nach Bewusstseinsveränderung, nicht zuletzt um den Protest gegen die Kommerzialisierung aller Facetten unseres Lebens. Neben der viel zitierten Entfremdung von der Arbeit droht heute auch die Entfremdung von der Lebendigkeit.

30.10.2014

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