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Prostitution - ein Beruf wie jeder andere?

Die Frau ist keine Handelsware

Christa Stahel

Die Podiumsveranstaltung des Vereins FemWiss zu diesem Thema am 27. November 2014 im «Karl der Grosse» in Zürich hat vieles ans Licht gebracht, was weniger bekannt ist - weil aus offenbar wirtschaftlichen Gründen von politischer Seite nicht effektiv gegen Frauenhandel vorgegangen und in dessen Schlepptau gegen die Prostitution unternommen wird. Brisante Informationen werden unter dem Deckel gehalten. Dass Prostitution mit allein in der Schweiz jährlich 3,2 Milliarden Franken Umsatz neben Drogen- und Waffenhandel als dritt-lukrativster Wirtschaftszweig zählt, dürfte damit zusammenhängen.

Schwergewichtig drehte sich die Diskussion um die

Situation der Prostituierten, Hundertausende von Frauen in Not.

Vor allem armutsbetroffene Frauen arbeiten auf dem Strassenstrich, um ihre Familie ernähren zu können. «Freiwillig machen das die Frauen nicht», weiss eine ehemalige Sexarbeiterin, die live zugeschaltet ist. «Prostitution ist ein Angebot als letzte Option. Aber Prostitution ist keine Option. Sie ist ebenso wenig Arbeit wie gebären.» Diesen Aspekt unterstützt auch Bastien Girod, Nationalrat Grüne, Kanton Zürich, und ergänzt, es sei bezahlte Vergewaltigung. Veronika Helk, Sozalpädagogin und ehemaliges Opfer von Menschenhandel, führt weiter aus, dass eine Solidarisierung unter den Prostituierten, um dem Preisdumping zu entkommen, nicht stattfinde, sie unterböten sich in Preis und Praktiken. Häufig sei für diese Frauen der einzige Ausweg aus der Prostitution, selbst Zuhälterinnen und Menschenhändlerinnen zu werden. So erstaune es auch nicht, dass 30 % des Menschenhandels von ehemaligen Prostituierten betrieben werde resp. dass viele Bordelle von ehemaligen Prostituierten geführt würden. Eine Rückkehr in die Gesellschaft im Sinne einer Arbeit ausserhalb des Milieus gebe es selten. Die Frauen landeten, wenn sie nicht mehr ins Milieu zurück wollen, häufig in der Sozialhilfe.

Dazu meint Jürg Meier, Redaktor Info-Sperber: «Armutsprostitution ist letztlich die Ausnützung einer Notlage (der Frauen) und keine Entwicklungshilfe.» «Und das mit staatlicher Unterstützung!», bestätigt Veronika Helg.

Die (vielfach «gehandelten») Frauen, die in zum Teil bekannten und renommierten Etablissements arbeiten, haben zwar ein (oft desolates) Dach über dem Kopf, werden sonst aber oft wie Gefangene gehalten. Die Frauen bekommen keinen Ausgang und dürfen vielfach auch keine Kontakte pflegen, weder im Etablissement noch nach aussen. Sie sind allein - allein gelassen. Das sei genau so entwürdigend. Zudem haben viele dieser Frauen Schulden und Zuhälter, sie müssen zusätzlich horrende Zimmermieten, zum Beispiel 150 Franken pro Tag für ein Zimmer, zahlen. Das heisst, allein für die Zimmermiete müssen sie drei bis fünf «Freier» bedienen.

Selbstbestimmung
In diesem Gewerbe sei Selbstbestimmung nicht gegeben - «Wer zahlt, befiehlt» gelte auch hier. Selbstbestimmung heisse, aus verschiedenen Möglichkeiten auswählen zu können. Prostituierte haben diese Wahl nicht. Zudem sei Selbstbestimmung als persönliches Verhaltensmuster abhängig vom kulturellen Hintergrund der Frauen und dem sozialen Gefüge, in dem sie leben. Prostitution ist reine Überlebensstrategie und nicht ein Beruf. Das Bild der «glücklichen Hure» ist ein Konstrukt der Bordellbesitzer und Profiteure, das durch die Medien verbreitet wird. Betrachten Sie Bilder in den Zeitungen, wenn es um Prostitution geht. Selbst bei Prostituiertenmorden sind es Bilder nackter oder halbnackter Frauen.

Menschen- = Frauenhandel
EVP-Präsidentin Marianne Streiff stellt klar, dass die Risiken für Frauenhändler sehr gering seien. Daher sei es opportuner, den Frauen mit Bildung/Weiterbildung und würdigen Arbeitsangeboten den Ausstieg aus dem Gewerbe zu ermöglichen.

Gesellschaftspolitisches Problem
Andrea Gisler, Präsidentin der Frauenzentrale Zürich, sieht die Prostitution als gesellschaftspolitisches Problem und verweist auf die «Verrichtungsboxen» in Zürich-Altstetten. «Ist denn so etwas normal? Diese Arbeitsplätze zeigen die Einstellung unserer Gesellschaft zur Prostitution.» Es gehe um die Nachfrage infolge eines fragwürdigen Männerbildes, des «testosterongesteuerten Mannes», das sich in der Gesellschaft hartnäckig hält. Ein radikales Umdenken in der Gesellschaft sei absolut notwendig, betont sie wiederholt. Streiff unterstützt das Votum, «Wir müssen für die Frauen andere Lebensbedingungen schaffen.»

Und die Männer?
Jürg Meier nimmt auch die Männer an der Nase: Wieso sind sie nicht zu stolz, sich «Liebe und Zuneigung» zu kaufen? Das ist doch ein Armutszeugnis. Für die Männer. Veronika Helk spricht die Männer direkt an und bittet sie, sich gegen diese Art des sexuellen Egoismus auszusprechen, denn es sei an ihnen, das System Prostitution zu ändern.

Lösungsansätze
- Das Statut «L» ist unbedingt abzuschaffen
- Einführung des schwedische Modells
- Frauen, die beeits hier sind, muss der Ausstieg ermöglicht werden

Probleme
- Kooperationsbereitschaft bei den Frauen entsteht erst bei einem enormen Leidensdruck.
- Kommt es zu einer Anzeige wegen Gewalt, ist die Frau beweispflichtig. Das «Statut L» ist unbedingt abzuschaffen.
- Juristisch ist Menschenhandel nur akzeptiert, wenn über eine Person gegen deren Willen verfügt wird.

Die Frauen arbeiten am Thema weiter, bis sich eine gesellschaftlich akzeptable Lösung findet. Jede Unterstützung durch andere Frauenorganisationen und Einzelpersonen wird geschätzt. Was jetzt ist, wollen wir nicht haben.

28.11.2014