iff-forum

 

 

 

 

Vor gut zehn Jahren (2000-2002) habe ich den Studiengang «Wir setzen uns eine andere Brille auf» über feministische Theorien beim EWC (European Women's College) unter der Studienleitung von Dr. Reinhild Traitler und Dr. Elisabeth von Weizsäcker gemacht und bin auf diesem Weg überhaupt zum Feminismus und zum iff-forum für frauen gekommen. Zum Ende des Kurses bei der Diplomübergabe haben wir alle die «Zehn Erlaubnisse» geschenkt bekommen, die ich Ihnen hier mit Vergnügen weitergebe, weil sie FÜR ALLE FRAUEN gelten.

Christa Stahel

Die zehn Erlaubnisse

1   Jetzt, wo du deine Lehrzeit am European Women's College beendet hast, darfst du dich ruhig eine Feministin nennen. Es ist kein Schimpfwort. Wenn du die Männer liebst, liebe sie weiterhin, es sind ja deine Väter, Brüder, Söhne, Geliebten. Aber gib ihnen zu verstehen, dass es nie mehr so sein wird wie früher. Du hast dir eine andere Brille aufgesetzt.

2   Du darfst «ich» sagen - du musst dich nicht unsichtbar machen. Verstecke dich nicht in einem «man», schmuggle dich nicht in ein «wir», klammere dich nicht bescheiden oder bequem aus. Du bist du, einmalig, unverwechselbar. Auf dich kommt es an.

3   Du darfst dich zeigen, mit deinen Stärken, aber auch mit deinen Schwächen. Ja, du wirst in dem Masse stärker sein, als du deine Schwächen nicht verbirgst.

4   Du darfst dich schön finden, wie du bist, mit weißen Haaren oder braunen, mit den Möglichkeiten und Einschränkungen, die dir dein Körper auferlegt. Schönsein heißt, in lebendige Beziehungen eingewebt zu sein. Nicht zurückzuweichen vor dem Leben.

5   Du darfst Verantwortung übernehmen. Für dich selbst, für das, was du sagst und tust. Für das, was du verschweigst. Hab den Mut, herauszutreten aus dir selbst. Manchmal schmerzt es, aber es öffnet vielleicht auch neue Türen in neue Räume.

6   Du darfst solidarisch sein mit anderen Frauen. Dein Leben ist mein Leben ist unser Leben. Deine Freiheit und die Freiheit aller Frauen hängen zusammen. Solange Frauen Unrecht geschieht, bist auch du gefordert, dein Wissen und dein Engagement in die Waagschale zu werfen.

7   Du darfst die Monologe der Männer unterbrechen. Du hast etwas beizutragen zur Gestaltung der Welt. Verhilf dir selbst zu Wort und sieh dazu, dass die stumm Gemachten reden. Und wenn dir wer das Wort abschneidet, lach ihn einfach aus.

8   Du darfst dir eine andere Brille aufsetzen - die Welt sieht anders aus, bunter, farbiger, vielgestaltiger. Schlüpf in die Schuhe einer anderen Frau, einer aus Prag oder Berlin oder Barcelona oder Novi Sad. Vielleicht entdeckst du unerwartete Antworten und neue Fragen, ganz andere.

9   Du darfst beherzt sein. Verbinde dich, verbünde dich mit anderen Frauen. Wenn du bloß allein bleibst, wirst du mutlos und weinerlich.

10 Du darfst eigentlich alles. Fast alles, jedenfalls. Lernen, denken, forschen, arbeiten, lachen, faulenzen, tratschen. Männer lieben, Frauen lieben, Kinder lieben, alles Mögliche lieben. Nur eines darfst du nicht: So tun, als könntest du nichts machen, nichts bewirken, nichts ändern. Dann verleugnest du dich selbst und das Göttliche in dir. Vergiss nicht, es ist immer da und wartet auf dich. Und wenn es regnet und der Tag grau ist, sag dir den Zauberspruche vor:

     Auf mich kommt es an!