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Gedanken zu Gottfried Lochers Dankbarkeit

Christa Stahel

Ein Aufschrei ging durch die Presse, nachdem Gottfried Locher am 11. November 2014 von Michael Meier im Tages-Anzeiger zitiert wurde: «Man müsse Prostituierten für ihre Dienste dankbar sein; schließlich seien befriedigte Männer friedliche Männer, findet Locher.»

Weil ich kein Mann bin, kann ich das nicht beurteilen. Möglich ist es ja, das muss ich offen lassen. Grundsätzlich aber finde ich das eine bedenkenswerte Aussage, die ich hier mal schriftlich laut fertig denke.

Zuerst postuliere ich, damit ich überhaupt Stellung beziehen kann, dass Locher recht hat, denn er ist ein Mann und weiß es.

Wenn befriedigte Männer friedliche Männer sind, dann müssen logischerweise unfriedliche Männer unbefriedigte Männer sein. Hat die Frau einen unfriedlichen weil unbefriedigten Mann, muss sie ihn, um ihn friedlich zu stimmen, befriedigen. Oder der Mann bleibt unfriedlich weil unbefriedigt, und ab sofort gilt Erlkönigs Drohung: « … und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt.» Ganz legal, er ist ja unfriedlich weil unbefriedigt. Und das liegt an der Frau, notabene.
Mit diesem Postulat ist der häuslichen Gewalt Tür und Tor geöffnet - die Frau ist schuld, dass der Mann unfriedlich weil unbefriedigt ist, denn hätte sie einfach … Der Mann ist das Opfer.

Es gibt viele Gründe, warum Männer zu Prostituierten gehen. Diese Männer sollten gemäß Locher nun dankbar sein. Das heißt, dass sie eine Prostituierte mit der gleichen Achtung und dem gleichen Respekt behandeln sollten wie eine nicht-Prostituierte. Solche Fälle gibt es allerdings, aber noch lange nicht flächendeckend.
Die Bordell-Betreiber verdienen sich eine goldene Nase, wenn sie nur genügend viele und unterschiedliche halbnackte Frauen «anbieten». Sie bieten die Frauen an! Es ist unglaublich - auf dem Markt werden auch Zwiebeln und Kartoffeln angeboten, Möbel und Kleider und Werkzeuge etc., und im Frühling gibt es bei uns im Dorf jeweils einen Viehmarkt, wo der Unterschied vielleicht noch der ist, dass ein interessierter Käufer (im Bordell der «Freier») die Kuh betatschen darf, bevor er sie kauft. Wo bitte bleibt da die Dankbarkeit der Männer?

Über Prostituierte zirkulieren viele obszöne Witze, sie werden niedergemacht, geächtet, verachtet, geschlagen, gequält, versklavt, erniedrigt und gedemütigt. Nicht jede ist eine Nitribitt. Doch auch sie wurde am Ende umgebracht - und der Mörder nie gefunden.
Es geht nicht darum, Bordelle immer schicker und luxuriöser auszustatten und an immer prominenteren Adressen zu platzieren, solange die Frauen zu horrenden Preisen in schäbigen Zimmern mehr vegetieren als leben müssen, solange sie keine geregelte Freizeit haben und den größten Teil ihres Lohnes für die Miete zahlen und dem Bordell-Betreiber abgeben müssen. Wichtig ist längst, auch die Prostituierten in ihrer ganzen Menschenwürde wahrzunehmen und zu akzeptieren. «Nicht die Prostitution muss aufgewertet werden, sondern die Frauen.» (zit. Dr. Peter Buser, Matschils, FL) Das wäre eine der Aufgaben von Organisationen wie MariaMagdalena in St. Gallen, die in ihrem Prospekt mit entsprechenden Bildern auch auf die langen Augen der Männer zielt und die Frauen ermuntert, auf ihren Beruf stolz zu sein.

Sehr oft bezeichnen die Männer temperamentvolle oder kritische und selbstbewusste Frauen als «unbefriedigte Zicken». Von «unbefriedigten Böcken» habe ich noch nie etwas gehört.
Auch hier sind all die Zuschreibungen immer noch und je länger desto schlimmer ungerecht verteilt. Als Beispiel diene der Frauenheld als Pendant zur Hure.

Hier endet der Sängerin Höflichkeit. Nur noch eine Frage: Wie ist das mit der Zufriedenheit der Frauen?

7. Januar 2015