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Ein politisch nicht ganz korrekter Oberhirte

Gottfried Locher, der Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, schärft sein Profil

von Michael Meier

Wahrscheinlich kommt Gottfried Locher der Wirbel der letzten Tage um seine Person nicht ganz ungelegen. Er hat das Buch «Gottfried Locher» in die Medien gebracht, und dies rechtzeitig zur Vernissage heute (11. November 2014 -sta) Abend in Bern.

Gewagte Aussagen des Reformierten geben zu reden. Man müsse Prostituierten für ihre Dienste dankbar sein; schliesslich seien befriedigte Männer friedliche Männer, findet Locher. Das hat dem 48-jährigen Familienvater prompt den Vorwurf des Sexismus eingetragen. 

Kirchenintern dürfte das Buch vermutlich eher mit seinem Untertitel provozieren: «Der reformierte Bischof auf dem Prüfstand». Autor Josef Hochstrasser, der zum reformierten Pfarrer konvertierte katholische Priester, versichert zwar, die Idee stamme von ihm. Wer Locher kennt, weiss, dass das Gegenteil zutrifft.: Die Idee eines reformierten Bischofs ist für ihn ein Leitmotiv und auch in so manchen Titeln von Medienberichten über ihn zu finden. Für den Mann mit dem aus der Mode gekommenen Vornamen stehen reformierte Spitzenfunktionäre im Schatten der katholischen Bischöfe.

Dabei bringt Locher, Spross aus angesehener reformierter Familie, gutaussehend und gescheit, alle Voraussetzungen für eine glanzvolle Karriere mit sich. Und seine Planung ist durchaus aufgegangen: 1999 zum Ökumene-Beauftragten des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes avanciert, wurde er Jahre später dessen Aussenminister und 2010 Ratspräsident.

Dennoch fehlt dem Spitzenamt im Dachverband der Reformierten der sakramentale und strahlende Nimbus , den das Bischofsamt innehat. Mit ein Grund dafür, warum die Reformierten ein Profiproblem haben und nur über wenige markante Köpfe verfügen. Um dem Manko abzuhelfen, lancierte Locher bereits 2004 die Idee eines reformierten Bischofs. Damit könne man der «Sehnsucht nach Menschen mit aussergewöhnlicher Ausstrahlung strukturell entsprechen».

Locher erntete viel Kritik. Er wolle Hierarchien wieder aufbauen, die die Reformation abgeschafft habe. Das Bischofsamt sei nicht positiv besetzt, hiess es. Der Berner beteuerte, es gehe ihm nur um das Profil und Sichtbarkeit der reformierten Kirche. Er habe nicht das machtbesetzte römische Bischofsamt, dessen Selbsterhöhung und Männerdominanz vor Augen. Was ihm, der sich gern mit dem früheren Einsiedler Abt Martin Werkeln, mit Kardinal Kurt Koch oder gar Papst Benedikt zeigt(e), nicht alle abnehmen.

Mit der 2011 eingeleiteten Verfassungsrevision des Kirchenbundes lancierte Locher die Idee von Neuem. Um die Identität und Profil der reformierten Kirche zu stärken, brauche es einen starken Präsidenten des Kirchenbundes. Doch vielen Kantonalkirchen missfällt die Personalisierung der Macht im Amt des Präsidenten: Eine quasibischöfliche Leitungsstruktur widerspreche reformierter Tradition.

Die Bischofsidee haftet so sehr an Locher, dass seine anderen Initiativen wie der Schweizer Bergpredigt-Preis, die nationale Synode oder reformierte Bekenntnistexte ebenso vergessen gehen wie seine dezidierte Kritik am Islamismus. Auch seine jüngsten Äusserungen zur Prostitution tragen dazu bei, sein Profil eines unangepassten und nicht ganz politisch korrekten reformierten Oberhirten zu schärfen.

aus: Tages-Anzeiger - Dienstag, 11. November 2014