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10 Jahre MariaMagdalena St. Gallen

«Sexarbeit ist Arbeit»

Am 19. November 2010 feierte die Beratungsstelle für Frauen im Sexgewerbe ihr zehnjähriges Bestehen. Das Interesse war gross, der Saal in der Clubschule Migros im Bahnhof St. Gallen war bis auf den letzen Platz besetzt. Etliche Männer zeigten sich vom Thema auch angesprochen.
Zu Beginn definiert Herbert Bamert vom Gesundheitsdepartement des Kantons St. Gallen den Begriff Arbeit: «Gemäss Lexikon ist  Arbeit das, was man tut, um seinen Lebensunterhalt erwirtschaften.»

Referat Ludwig Hasler

Es mutet eigenartig an, dass zu diesem ausgesprochenen Frauenthema ein Mann das Eingangsreferat halten sollte. Zudem ein Mann, der sich offenbar in einem Referat unter dem Titel «Oekonomie der Triebe» zu dieser Problematik bereits einmal in sehr fragwürdiger Weise geäussert haben soll.
Seltsames bekommen dann die Frauen auch zu hören. Eva habe den Apfel gegessen, weil sie das Paradies satt hatte, das heisst, weil es ihr langweilig war, und damit die Sünde in die Welt gebracht. Damit siedelt er den Sex in seiner ganzen Bandbreite auf der dunkeln Seite des Lebens an. «Kultur heisst Triumph über das animalische Böse.» Damit es nicht gar so finster sein sollte, impliziert er ein paar Redewendungen, die eher an den bunten Abend in einer Rekrutenschule erinnern. Im Rest betont er verschiedentlich die absolute Notwendigkeit von Prostitution. «Prostitution ist für die Männer da.» Bemerkenswert ist denn auch seine Interpretation: «Prostitution ist eine Kunst, die nicht nach Arbeit riechen darf. Sex geht ins Animalische. Lohn der Arbeit: Höchste Ekstase.» Ob auch die Frauen im Sexgewerbe diese höchste Ekstase erleben, sagt er allerdings nicht. Die Befindlichkeit der Frauen in der männerzentrierten Sexindustrie scheint ihm gleichgültig zu sein.
Ein Mann redet mit Männern für Männer über Frauen.

Interessante Podiumsdiskussion

Moderator Franz Schibli befragt fünf Fachfrauen und den Treuhänder Karl Hirzel, der sich auf Geschäfte mit Prostituierten und Salonbetreibern spezialisiert hat.
•   Was spricht für die Arbeit von MariaMagdalena?
Aufgabe von MariaMagdalena sei es in erster Linie, das Tabu «Prostitution» zu brechen, sagt Regierungsrätin Heidi Hanselmann. Barbetreiberin Conny Sallmayer meint, MariaMagdalena brauche es, obwohl «alles legal» sei.
Was also spricht für die Arbeit von MariaMagdalena?
•   Wo spielen die moralischen Vorstellungen?
Moralische Vorstellungen scheinen nicht (mehr) zu existieren, obwohl gemäss NZZ-Redaktorin Dr. jur. Brigitte Hürlimann das Thema immer noch «stark tabuisiert» ist, aber nicht bei den Ausländerinnen.
•   Das Sexgewerbe ist 1973 legalisiert worden, ist aber trotzdem immer noch tabuisiert.
Hirzel gibt zu bedenken, dass die Frauen sich immer noch als «Friseuse, Schneiderin, Kosmetikerin, etc.» anmelden. «Und hier», sagt er, «beginnen die Probleme, weil die Frauen nicht zu ihrem Beruf stehen.» Sallmayer begründet, die Frauen könnten das nicht, weil die Gesellschaft die Prostitution immer noch nicht als gesellschaftsfähig akzeptiere. Hanselmann ergänzt, dass Prostitution auch hinderlich sei bei einer allfälligen Stellensuche, zumalen diese Frauen in der Regel keinen Schul- oder Lehrabschluss hätten. Da seien Massnahmen notwendig.
Was wollen sie jetzt unternehmen?
•   Befürworten sie die neue Gesetzgebung?
Für die Juristin Hürlimann ist das Thema kein Thema, es sei bereits alles gesetzlich geregelt.
•   Was braucht es, um das alles zu erreichen?
Um das Ziel, gesellschaftliche Akzeptanz der Prostitution, zu erreichen, sei offene und ehrliche Kommunikation vor allem auch in der Ehe dringend nötig. Hürlimann ist skeptisch, da Prostitution sich immer noch in einem kriminellen Umfeld bewege, und die Theologin Madeleine Winterhalter schwenkt zu baulichen Massnahmen über, da gemäss einem Votum aus dem Publikum die Frauen wie «in Batteriehaltung» leben müssten, ohne eigenes Zimmer, ohne eigenen Schrank, ohne Privatsphäre. Hirzel betont die Kosten, welche die Formalitäten verursachen, und Sallmayer beklagt die Mühseligkeiten mit den Behörden.
Ein böser Vergleich kommt da hoch: Gehalten wie Vieh. Wer fragt schon eine Kuh, ob sie sich wohlfühlt? Hauptsache, sie gibt Milch, viel Milch.
•   Was, wenn eine Frau «aussteigen» will?
Praktisch keine Diskussion gibt es zum Thema «Aussteigerinnen». Die Geschäftsleiterin von MariaMagdalena, Susanne Gresser, fasst zusammen: Viele seien es nicht. «Aber viele möchten gerne etwas anderes machen.»
Das Problem seien die mangelnde Bildung und die Familien «daheim», die vom Verdienst der Frauen abhängen. Damit meint sie wohl die Ausländerinnen.
•   Wie wird das Angebot von MariaMagdalena in zehn Jahren aussehen?
Hellseherische Fähigkeiten sind gefragt. Wer weiss schon, wie MariaMagdalena in zehn Jahren aussehen wird? Die Frage hätte sich auf Wünsche und/oder Hoffnungen beziehen sollen. Aber dennoch: Alle hoffen, dass MariaMagdalena eines Tages überflüssig ist, weil die Probleme gelöst sind.

 Offene Fragen – kritische Anmerkungen und Anregungen

Schiblis Fragen bleiben eigentlich unbeantwortet. Uns vom iff würde Folgendes interessieren:
•   Was hat die Arbeit von MariaMagdalena bis jetzt bewirkt? Geht es «den Frauen» schon besser als vor zehn Jahren?
•   Wieso wird behauptet, Prostitution sei ein Tabuthema, während sie doch längst legal ausgeübt werden kann? Angebracht wäre, auf die verheerenden Auswirkungen hinzuweisen, welche die Frauen in Deutschland dazu bringen, die Legalisierung wieder abzuschaffen. Gründliche Studien zeigen, dass es vor allem um Dominanz über und Demütigung von Sexarbeiterinnen geht – Schmerzzufügung, anales und orales Eindringen, Abspritzen ins Gesicht, Beschmieren mit Kot und andere Widerlichkeiten (siehe: Prof. Dr. Margrit Brückner: Lebenssituation Prostitution. Sicherheit, Gesundheit und soziale Hilfen, Ulrike Helmer Verlag, 2006).
•   Was bezweckt der positiv gemeinte Hinweis der Arbeitsgruppe um Herbert Bamert des St. Galler Gesundheitsamtes, dass Sexarbeit, wie andere Tätigkeiten, zum Funktionieren der Gesellschaft beitrage? Und dass das Problem der Frauen im Sexgewerbe die fehlende Anerkennung ihres «Berufes» sei und die fehlenden Möglichkeiten, ihren Beruf positiv darzustellen? (siehe Faltprospekt von MariaMagdalena, erste Seite)
•   Wir halten es für abgeschmackt bis zynisch, eine Tätigkeit zu befürworten, die sich ausschliesslich an sexuellen Wünschen männlicher Kundschaft orientiert, während von den Sexarbeiterinnen verlangt wird, «viel Kreativität, Einfühlungsvermögen und schauspielerische Fähigkeiten» zu entwickeln. (siehe Faltprospekt von MariaMagdalena, erste Seite)
•   Eine frauenfreundlichere Politik ist gefragt, und grundsätzlicher Schutz für Ausländerinnen. Viele der Frauen sind mit (je) einem Schweizer verheiratet quasi als «Ferienandenken», der sie dann auf den Strich schickt. Lassen sie sich scheiden, müssen sie zurückgehen in ihr Heimatland. Legalisierte Zuhälterei? Hier muss die Frauenpolitik ansetzen, nicht bei baulichen Massnahmen.
•   Nach der Podiums-Diskussion scheint es, als ob gar kein Wert darauf gelegt würde, dass «den Frauen» etwas anderes als die Prostitution ermöglicht wird. Bedenkt man, dass das St. Gallische Sexgewerbe «einen jährlichen Gesamtumsatz von ca. 3.5 Milliarden Franken erwirtschaftet», entsteht leicht der Verdacht, dass niemand auf so horrendes Geld verzichten will. Wer bekommt es? «Die Frauen» bestimmt nicht.
•   Nota bene: Von fünf Wortmeldungen sind vier von Männern (drei, einer hat zweimal und sehr lange gesprochen). Es ist doch eine Frauenveranstaltung.

Frauen, wir müssen dran bleiben. So geht das nicht. Die Frau ist keine Handelsware.
Missachtung der autonomen Persönlichkeit und Bedürfnisse der Frau, mit Unterstützung einer staatlichen Untergruppe, ist unter jeder Kritik.

Christa Stahel                                                                                              01. Dezember 2010