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Das Gegenstück


Beim Lesen der Zusammenfassung «Eine Bestandesaufnahme der Psychoanalyse von Christa Rohde-Dachser» von Elisabeth Camenzind bin ich auf den Freud'schen Weiblichkeitsentwurf gestossen und habe mir diese Unterstellungen und Zumutungen aus feministischer Sicht betrachtet. Und hier das Ergebnis:

Freuds Männlichkeitsentwurf sei von Phantasien des Vergangenheitsunbewussten geprägt, indem er von den Phantasien des Mädchens ausgeht. Nach Freudas Vorstellung seien Knaben und Mädchen von Geburt an «weiblich» (d.h. aktiv), aber nur Mädchen blieben so. Für Knaben beginne mit der Entdeckung des Geschlechtsunterschiedes der schwere Weg in die «Männlichkeit» (d.h. in die Passivität). Die Entdeckung der Busenlosigkeit bedeute für den Knaben eine grosse Enttäuschung. Er fühle sich von da an wertlos, unvollständig, «amputiert». Seinen Mangel laste er dem Vater an. Er wende sich enttäuscht von ihm ab und der Mutter zu. Von nun an begehre er die Brüste der Mutter, jedoch nicht als Lustobjekt, sondern um sich narzisstisch zu komplettieren. Später verwandle sich dieser Busenwunsch in den Wunsch nach einem Kind von der Mutter (Frau), am liebsten ein Mädchen (als Busenträgerin). Nur deshalb geniesse der Mann die Vaterschaft. Der Busenneid des Mannes bleibe in der Regel ein Leben lang bestehen. Neid sei deshalb einer seiner herausragenden Charakterzüge. Sein Interesse beschränke sich auf das enge soziale Beziehungsgeflecht, in dem er lebe und auf die Erfüllung der damit verbundenen Alltagsaufgaben. Da seine Sublimierungsfähigkeit gering sei, erstrebe er auch nichts anderes. Sein beschränkter Lebensradius entspreche seinen Bedürfnissen. Wegen seiner organischen und charakterlichen Defizienz bleibe er ein Leben lang von der Frau und ihren narzisstischen Restitutionsleistungen abhängig. Er habe auch die schwächere sexuelle Konstitution. Die Libido (das Begehren) sei weiblich. Der Begriff "männliche Libido" mache keinen Sinn. Die Brusthaare seien verkümmerte Brüste. Mit der Entwicklung zur Männlichkeit müsse die phallische Sexualität aufgegeben und auf den Penis, den "Lustort der Frau" verschoben werden. Die Frau handle, der Mann reagiere. Männlichkeit sei identisch mit (erworbener) Passivität, die "masochistisch" genossen werde (56-57).

Ich möchte den Aufschrei des Plebs hören, wenn wir Frauen so über DEN Mann schrieben! Die Frau gibt das Leben weiter und ist defizient!

Christa Stahel