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Frida Lippschitz

Sie war so dünn und spitzig wie ihr Name, und zäh. Mit ihren 76 Jahren stieg sie noch täglich einige Male zu Fuß hinauf in ihre kleine Wohnung im dritten Stockwerk. Unter ihrem wadenlangen Faltenrock waren ihre sehnigen Füße zu sehen, die in offenen Sandalen steckten. Nein, sie habe nie kalte Füße, auch im Winter nicht, erklärte sie emotionslos, wenn man sie fragte.

Sie redete nicht viel. Die Erwachsenen konnten gut verstehen, daß die Kinder aus dem Viertel sie Fridi Lippenschlitz nannten. Obwohl das strikte verboten war. Frida Lippschitz wusste das, aber sie ertrug es gelassen. Kinder eben, meinte sie bloß, wenn man sie fragte.

Täglich ging sie zum Einkaufen in den alten Tante-Emma-Laden um die Ecke. Sie brauchte nicht viel, aber das Wenige wollte sie frisch. Wenn sie vor der Auslage überlegte, was sie sich heute leisten wollte, begann ihr Gesicht zu strahlen. Alle Rünzelchen versammelten sich um ihre immer noch scharfen Augen, und ihr Mund öffnete sich leicht, als ob sie gleich zu essen anfangen wollte. Fleisch kaufte sie nur selten. Tote Viecher mag ich nicht, war alles, was sie zu sagen hatte, wenn man sie fragte.

Die vollen Einkaufstüten waren nie besonders schwer, und sie trug sie immer selbst nach Hause. Dabei ging sie stets kerzengerade, als ob sie einen Rohrstock im Rücken hätte.

Zum Kochen band sie sich immer eine Schürze um. Davon hatte sie eine ganze Menge, gewürfelte, gestreifte, getupfte, geblümte, auch solche mit Rüschen am Latz und an den Trägern. Und alle mit großen Taschen, in denen auch ein Staubtuch und anderes Haushaltzeug Platz hatte. Ihre Küche war peinlich sauber. Hab's halt gern gepflegt, war ihre Antwort, wenn man sie fragte.

Die Leute in der Straße kannten sie und kannten sie auch nicht. Niemand wusste, womit sie sich den ganzen Tag beschäftigte, wenn sie nicht gerade beim Einkaufen war oder mit Briefen zur Post ging. Schreibe die Briefe lieber von Hand, meinte sie einsilbig, wenn man sie fragte.

Eines Tages geschah etwas Unerhörtes. Die Leute beobachteten, wie Frida Lippschitz mit einer neuen Frisur - der dünne Dutt war lockeren weißen Wellen gewichen - und hocherhobenen Hauptes das bekannte Geschäft für feine Damenunterwäsche betrat.

«Ich möchte etwas Hübsches», sagte sie in ihrer trockenen Art zur Verkäuferin.

Diese musterte sie lange mit großen Augen von oben bis unten und verzog fast unmerklich die Mundwinkel.

«Sie möchten …»

«Ja, ich möchte nicht nur, ich will.»

«Was  …»

«Was 'was'? Unterwäsche, denke ich.»

«Ich dachte …»

«Denken Sie nicht, zeigen Sie mir, was Sie haben», unterbrach sie Frida Lippschitz, eine Spur gereizt.

«Ist es für Sie? Etwas Warmes, mit Angora oder so?»

«Mit Angora? Um Himmelswillen, nein, etwas Farbiges mit Spitzen, rosa oder hellblau, vielleicht schwarz», meinte sie dann etwas freundlicher.

Die Verkäuferin führte sie zu den Gestellen, wo all die hübsche Wäsche hing, von der Frida Lippschitz ein Leben lang geträumt hatte, in Farben und Mustern, wie sie sie nur aus den Auslagen und den Katalogen kannte. Sie wählte lange, ohne die Verkäuferin eines Blickes zu würdigen, welche unverkennbar neugierig daneben stand.

«Diese beiden Garnituren können sie mir bitte einpacken», sagte sie schließlich.

«Ein Geschenk?»

«Ja, natürlich, für mich.»

Sie bezahlte und verließ das Geschäft und die irritierte Verkäuferin sichtlich zufrieden.

In der Straße raunte es: Die Lippschitzin hat Reizwäsche gekauft - was die wohl im Sinn hat? - ob die einen Liebhaber hat? - die ist wohl übergeschnappt … Und die Kinder foppten laut: Die Lippenschlitz trägt Mädchenwäsche!

Frida Lippschitz bemerkte das sehr wohl.

Ach, sollen die sich doch die Mäuler zerreißen. Was wissen sie denn? Gar nichts wissen sie. Damals haben sie sich auch nicht um mich gekümmert, als er abreiste und ich allein zurückblieb. Dreißig Jahre habe ich gewartet - jetzt besuche ich ihn. Vielleicht für ganz.

Beinahe tat sie einen kleinen Hüpfer. Ihren Traum wollte sie sich erfüllen: Eine Reise mit dem Trans-Sibirien-Express bis Wladiwostok, ihn wieder zu sehen, und sollte es auch nur für einen Moment sein.

Da muss ich doch entsprechend gekleidet sein. Wer kann denn wissen, ob alles gut läuft, ob ich überhaupt wieder zurück komme? Und er soll nicht erschrecken - dass ich alt geworden bin, genügt. Wie er wohl jetzt aussieht? Damals war er ein schöner Mann! Aber meine Mutter … immer diese Drohung …

Die alte Wut wollte in ihr hochkommen, aber sie ließ es nicht zu, sie wollte sich jetzt nur noch freuen. Und abermals sah es aus, als ob sie hüpfte, tanzte.

Einige Tage später sahen die Leute sie mit einem großen Koffer heimkommen. Und wieder raunte es in allen Gassen: Will die Lippschitzin verreisen? - der geht's wohl nicht mehr, in diesem Alter! - hat sie das große Los gewonnen? - ob sie ins Altenheim zieht? …

Endlich hatte sie alles sorgfältig gefaltet in den großen Koffer gepackt, sich selbst etwas herausgeputzt, alle Reisepapiere in ihre Handtasche gesteckt, und stand reisefertig vor der Haustüre, als das Taxi kam, eine elegante schwarze Limousine. Das hatte sie sich ausbedungen. Die Leute gafften fassungslos. Das war ihr gerade recht.

Dann war Frida Lippschitz fort, und niemand hat sie je wieder gesehen.

Christa Stahel